Blackbox Wiesenhof: Fleischkonzern überschreitet regelmäßig zulässige Kapazitätsgrenze

Wie eine Bürgeranfrage nach Offenlegung veterinäramtlicher Kontrollberichte ergibt, hat der Fleischkonzern Wiesenhof im Schlachthof Niederlehme immer wieder mehr geschlachtet als erlaubt. Der Schlachtkonzern versuchte die Herausgabe dieser Daten vor Gericht zu unterbinden. Ohne Erfolg. Der Bürgerinitiative KW stinkts liegen die Schlachtprotokolle für den Zeitraum Oktober 2018 bis Dezember 2019 vor. Die Berichte enthalten u.a. die Dokumentation zu angelieferten Tieren, deren Gewicht, die Anzahl geschlachteter Tiere, verendeten Tieren auf dem Transport und wieviele Tiere an einer tiefen Dermatitis litten. Auch die Tiere, welche mästerbedingt oder im Schlachthof selbst “verworfen” wurden, ist dokumentiert.

“Warum Wiesenhof die Veröffentlichung der Schlachtzahlen unbedingt verhindern wollte, liegt klar auf der Hand: Wiesenhof hat allein im Jahr 2019, also auch nach der Kapazitätserhöhung, an einem von sieben Schlachttagen die genehmigte Schlachtkapazität überschritten. Nach den uns vorliegenden Zahlen hat der Konzern somit regelmäßig und dauerhaft gegen die damalige Höchstgrenze von 352 Tonnen Lebendgewicht pro Tag verstoßen.” sagte Gudrun Eichler von der Bürgerinitiative KW stinkt’s.

Mit dem Verbraucherinformationsgesetz mehr Tierschutz durchsetzen:

Bürger:innen wollen Auskunft: Vor dem Hintergrund geltender Informationsfreiheitsrechte hatten Bürger und Bürgerinnen aus dem Umfeld der Bürgerinitiative KW stinkts Einsicht in die veterinäramtlichen Kontrollberichte bezüglich des zum PHW Konzern (Markenname “Wiesenhof”) gehörenden Schlachthofs “Märkische Geflügelhof-Spezialitäten GmbH” verlangt. Ging es zunächst nur um die Anzahl der bereits vor der Schlachtung verendeten Tiere, stießen die Tierrechtsaktivist:innen bald auf eine brisante Information: Die Kontrollberichte über Hygiene und Fleischuntersuchung enthalten auch tagesaktuelle Informationen über die Anzahl der zur Schlachtung angelieferten Tiere und das entsprechende Schlachtgewicht. Laut einer ohnehin schon umstrittenen und mittlerweile vom Gericht für rechtswidrig erklärten Genehmigung ist seit November 2018 die Kapazität des zulässigen Lebendgewichts pro Tag auf 352 Tonnen begrenzt. Genau gegen diese Grenze hatte der Fleischkonzern im Kalenderjahr 2019 offenbar an einem von sieben Schlachttagen verstoßen. Aus diesem Grund hatte Wiesenhof wohl versucht, die Herausgabe der Zahlen unbedingt zu verhindern. Doch sowohl das Verwaltungsgericht in Cottbus, als auch das Oberverwaltungsgericht in Berlin gaben den Tierrechtsaktivist:innen Recht. Die Zahlen gehören an die Öffentlichkeit.

Tierleid im industriellen Maßstab: Das Leid hinter den nackten Zahlen

Nach langem Kampf um die Zahlen zeigt sich der Grund für den Versuch des Boykotts der Herausgabe durch Wiesenhof: Wo gearbeitet wird fallen Späne, in diesem Fall sind es Tiere, die sterben mussten. An zehn heißen Sommertagen mit Temperaturen über 32°C beispielsweise starben allein auf den Transport jeweils über 1100 Tiere. Auch an zwei kalten Tagen mit Temperaturen unter -5°C ist die Zahl signifikant höher. Tiere werden meistens in der Nacht und am Morgen angeliefert. 2,1% der an den Schlachthof gelieferten Tiere sind nicht “verwertet” worden. 2,1% …. in Relation gesehen eine kleine Zahl, doch sind dies fast eine Million Tierleben!

Die häufige Überschreitung des genehmigten Gesamtgewichtes auch nach Bekanntwerden der illegalen Überschreitung zeugt von einem schlechten Betriebsmanagement, geduldet durch die örtlichen Behörden.

2019 wurden z.B. insgesamt 37.775.699 Tiere in Niederlehme angeliefert. Von diesen Tieren starben 81.325 Tiere auf dem Transport. Bei 282.043 Tieren wurde eine tiefe Dermatitis festgestellt. Insgesamt wurden 824.310 Tiere „verworfen“, der „Verwurf“ wurde für 608.790 Tiere dem Mäster zugeschrieben und 215.520 Tiere dem Schlachthof. Die Branche mag argumentieren, dass dies Zahlen in Relation zur Gesamtmenge „übliche“ oder „sehr gute“ Zahlen sind. Doch absolut ist die Zahl von zu Tode gequälten Tieren schrecklich hoch.

Tierindustrie: Hohes Risiko für die VerbraucherInnen

Germanwatch untersuchte in diesem Jahr europaweit 156 Hähnchenfleischprodukte in Supermärkten wie Aldi und Lidl. Jede zweite Hähnchenfleischprobe mit antibiotikaresistenten Krankheitserregern belastet. Insgesamt 59% der belasteten Proben stammen von der PHW-Gruppe. Für uns ist es ein weiterer Hinweis, dass die Tierindustrie großes Leid verursacht und dem Menschen schadet. Und folgendem Link ist die Studie öffentlich zugänglich: https://www.germanwatch.org/de/19459

Hintergrund: Vier Jahre erfolgreicher Kampf gegen Wiesenhof!

Seit Herbst 2016 kämpft die Bürgerinitiative KW stinkt’s gegen die Erweiterung des Wiesenhof-Schlachthofs in Niederlehme bei Königs Wusterhausen. Mit Erfolg: Der Fleischkonzern plante, die Schlachtkapazität schrittweise von 120.000 getöteten Tieren pro Tag auf 230.000 zu erhöhen. In einem ersten Schritt hatte der Konzern eigenmächtig die Produktion auf 160.000 Tiere pro Tag hochgefahren und dafür im November 2018 nachträglich unter skandalösen Umständen die Genehmigung bekommen. Mit einem Widerspruchsverfahren vor Gericht versucht die Bürgerinitiative zusammen mit dem NABU Brandenburg und zahlreichen Umwelt- und Tierrechtsinitiativen den Schlachthofausbau zu verhindern. Das Verwaltungsgericht in Cottbus hatte einem Eilantrag der Bürgerinitiative kürzlich stattgegeben und die Produktion bis zu einer Entscheidung über das Widerspruchsverfahren wieder auf 120.000 Tiere pro Tag gedrosselt.

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